Vom Indie-Entwickler zum Genre-Wiederbeleber!

Nachdem Spiele wie Streets of Rage oder Double Dragon beinahe gänzlich zu Produkten der Vergangenheit geworden sind, die man sich höchstens an Spieleabenden noch einmal reinzieht, sticht der französische Indie-Entwickler Le Cartel mit einem überraschend stimmigen Pixel-Brawler hervor, der Gewalt und düstere Thematiken gefüllt mit schwarzen Humor, wie man sie sonst von Quentin Tarantino-Streifen her kennt, gekonnt verbindet. Vorerst PC- und in späterer Folge PlayStation 4-exklusiv, verspricht Mother Russia Bleeds die Erwartungen der Gamer wie ein Fass voller Blut langsam aber stetig zu (er)füllen.

Mütterchen Russland und vier Kämpfer für ein Halleluja

Heruntergekommen, vom Müll übersät und mit düsteren Gestalten vollgestopft – eigentlich ein ganz normaler Tag in dem Ghetto, in welchem sich die vier Ruska Romas Sergei, Ivan, Natasha und Boris gelegentlich für eine Handvoll flottem Geld die Köpfe einschlagen. Doch anstatt die sonst so brutalen Handgemenge mit einer Runde Wodka und noch mehr Schlägereien zu beenden, wird der “Arbeitsplatz” des Quartetts durch die örtliche Polizei gestürmt und die Protagonisten mittels Gasbomben außer Gefecht gesetzt. Wochen später erlangen die Vier das Bewusstsein, jedoch nicht in einer staatlichen Gefängniszelle sondern auf dem kalten Boden eines Untergrundlabors und werden von den Nach- und Nebenwirkungen der verabreichten Droge Nekro geplagt. Wie sich kurze Zeit später herausstellt, ist die kleine Kampftruppe einer Organisation auf den Leim gegangen, welche das schreckliche Suchtmittel staatlich gefördert unter die Leute bringt. Man begleitet somit die Spielfiguren bei ihrem Rachefeldzug gegen russische Drogenlords, Militärsoffiziere und dem inneren Schweinehund, um von der Droge loszukommen.

In den acht spielbaren Levels (neun, wenn man das zusätzliche Kapitel dazu zählt, um das gute Ende der Geschichte zu Gesicht zu bekommen) prügelt man sich auf brutalste Weise durch Locations wie einem Penthaus, einen Club, den Waggons eines Zugs, durch ein Stadtteil und sogar die Hallen eines Schwimmbades werden von den Blutflecken der Rüpel und Drogensüchtigen nicht verschont. So interessant die Story auf den ersten Blick auch klingen mag, sie ist sehr simpel ausgefallen und beschränkt sich innerhalb der einzelnen Levels auch nur auf das Verprügeln von Bösewichten. Gelegentlich kommen abwechslungsreiche Ziele, wie das Zerstören einer Mauer oder das Besiegen eines Endbosses, indem man diesen in einen überdimensional großen Fleischwolf wirft, hinzu, wesentlich mehr als ein “Gehe von A nach B” bekommt man allerdings nicht geboten. So genial und stimmungsvoll die Locations auch erscheinen und obwohl sehr viele Anspielungen zu bekannten Serien, Spiele oder Filme gemacht werden (der Nachtclub aus einem Gaspar Noé-Film, Zitate aus Duke Nukem, der Gimp aus Pulp Fiction), erhält man niemals wirklich das Gefühl, als befände man sich tatsächlich in einer russischen Umgebung. Das hat auch damit zu tun, dass die Spielcharaktere sich abseits der Statuswerte vom Verhalten her kaum voneinander unterscheiden (und das obwohl ich mir sehr wohl einen absolut durchgedrehten Boris vorstellen könnte). Sämtliche Dialoge sind in englischer Sprache gehalten und sogar Redewendungen lassen die eigentlich russischen Romas ein wenig unnatürlich wirken. Unabhängig davon hat Mother Russia Bleeds eine herrlich makabre Atmosphäre und überzeugt mit guter Stimmung, viel schwarzem Humor, sowie abgefahrenen Bossen und interessanten Levels. Vergleicht man das Ausmaß der präsentierten Gewalt, wirken Streets of Rage oder Double Dragon im Gegensatz zu Mother Russia Bleeds wie ein angenehmer Sonntagsspaziergang.

Gameplay

Vergleicht man das Ausmaß der präsentierten Gewalt, wirken Streets of Rage oder Double Dragon im Gegensatz zu Mother Russia Bleeds wie ein angenehmer Sonntagsspaziergang.

Typisch für den Levelverlauf wurde auch die Steuerung sehr einfach gehalten (da Mother Russia Bleeds demnächst auch für PlayStation 4 via Download erhältlich ist, wurde das Spiel im Rahmen der Berichterstattung mit einem PlayStation 4-Controller getestet). Mit der Viereck-Taste werden Faustschläge und mit Dreieck Tritte ausgeteilt. Gegenstände und Gegner werden durch einen Druck auf den Kreis-Knopf aufgehoben beziehungsweise in einen Würgegriff genommen und ebenso wieder weggeschleudert. Das ist sehr einfach und für jeden, der den Controller in die Hand nimmt, leicht zu verstehen. Will man am Ende eines Levels aber, durch imposante Kills und abwechslungsreiche Techniken, die meisten Punkte abstauben, greift man am besten auf die Combo-Liste zurück, welche nicht sonderlich schwer zu verinnerlichen ist und mehr Spielraum in die Schlag- und Trittkombinationen bringt. Die brutalen Wirtshausschwinger erzielen auf jeden Fall dann ihre größte Wirkung, wenn man zuvor über die R2-Taste eine Spritzenladung Nekro zu sich nimmt und sich somit in den Berserker-Modus versetzt. Dadurch wird nicht nur die Musik kurzzeitig auf ein Vielfaches beschleunigt, auch die Schlagkraft der Spielfigur steigt immens und reicht mitunter dazu aus, Gegner in Stücke zu reißen oder ihren Kopf mit den bloßen Händen zu zerquetschen. Insgesamt drei Mal kann man eine Spritze verwenden bis sie leer ist woraufhin sie anschließend wieder aufgeladen werden muss. Dazu wird einem am Boden liegenden und epileptisch zappelnden Gegner die Spritze in den Hals gerammt und das verbleibende Nekro aus seinem Blut gezogen. Optional kann man die Blutkonserve natürlich auch zum Heilen der eigenen Spielfigur oder von Mitspielern verwenden. Die vier Protagonisten haben dabei unterschiedliche Statuseigenschaften wie Schlagkraft, Geschwindigkeit, Reichweite und Spruhghöhe. Das beeinflusst zwar die Menge an angerichteten Schaden und die Fähigkeit Schläge problemlos wegzustecken, allerdings nichts an ihrem Kampfstil – dieser bleibt bei allen Charakteren gleich. Dafür hat man ein umfangreiches Inventar an Waffen, sodass man zwischen Barhocker, Baseballschläger, Maschinengewehr, Strommasten und vielen anderen ausgefallenen Utensilien wählen kann.

Durch das Absolvieren der einzelnen Levels schaltet man nicht nur weitere Bereiche für den fortschreitenden Storyverlauf frei, sondern auch neue Areale im Arena-Modus. Hier prügelt man sich Welle für Welle durch Massen von Gegnern und sahnt für jedes erfolgreich bestrittene Level spezielle Spritzen ab, die wiederum außergewöhnliche Berserker-Effekte bei der Spielfigur ausläsen.

Abseits vom Story- und Arenamodus gibt es derzeit noch keine weiteren Spielmodi, Le Cartel hat aber bereits angekündigt einen Boss- und Versus-Modus nachzureichen. Somit ist das Angebot derzeit noch recht beschränkt, wird aber spätestens im kommenden Jahr kostenfrei erweitert. Bis dahin kann man die Steuerung in dem ohnehin schon recht schweren Prügespiel auf den höheren Schwierigkeitsstufen Schwer und Hardcore meistern. Dazu haben die Entwickler die Checkpoints in den Levels gut positioniert und die Ladezeiten beim Ableben einer Spielfigur auf eine knappe Sekunde begrenzt – man hätte also nicht einmal die Zeit dazu sich über schwer zu besiegende Gegner zu ärgern.

Multiplayer

Im Rahmen der gesamten Gefechte ist es ratsam sich entweder mit weiteren Mitstreitern zusammen zu schließen oder auf die computergesteuerte Unterstützung zurück zu greifen. Letztere Wahl wird für viele unnötige Tode verantwortlich sein, da die KIs sich oftmals übermütig in Gefahr begeben und somit nach kürzester Zeit draufgehen aber den Spieler nur selten wiederbeleben, wenn dieser einmal ins Gras beißt. Derzeit besteht ausschließlich offline die Möglichkeit die zwei Modi mit bis zu drei weiteren Spielern zu bestreiten, online kommt man erst in einigen Monaten in diesen Genuss. Dafür können Spieler jederzeit auf Knopfdruck in das Spielgeschehen ein- und aussteigen.

Für geübte Kämpfer mit einem Drang nach Herausforderungen bietet das Einschalten der Friendly Fire-Option neben den drei Schwierigkeitsgraden eine zusätzliche Erschwerung, da man im Fausthagel darauf achten muss seine Mitspieler nicht zufällig zu treffen.

Grafik

Sowohl auf den Bildern als auch in zahlreichen Videos sticht die Pixelgrafik und der immense Blut- und Gewalt-Faktor stark ins Auge. Erst bei näherem Betrachten sieht man wieviel Wert die Entwickler darauf gelegt haben, möglichst viele Inhalte in das eigentlich genretypisch recht lineare Spiel zu packen. Die Hintergründe bewegen sich ständig, in jedem Areal passen die abstrusen Figuren zu dem makabren Setting und immer wieder wundert man sich über das Ausmaß an Details, welches sich trotz dem verpixelten Design großzügig bemerkbar macht.

Mother Russia Bleeds ist genau das, was man sich von einem Straßenprügler erwartet: brutal und blutig.

Das Sortiment der Gegner erstreckt sich dabei vom bärtigen Obdachlosen über den klassischen Kriegsveteranen bis hin zum Jogginghose tragenden Gangster – deren Erscheinungsbilder unterscheiden sich je nach Verletzungsgrad. Beim Betreten des Bildes spazieren sie noch zum Spieler, zünden sich eventuell noch eine Zigarette an und hechten erst dann auf die Spielfigur zu, um diese anschließend auf den Boden zu bringen und zu würgen. Nach den ersten kassierten Schlägen strömt ihnen anschließend das Blut vom Kopf und sie torkeln schon ein wenig beeinträchtigt. Le Cartel begrenzt das Sortiment jedoch nicht nur auf seine menschlichen Gegner, auch riesige Schweine und Schäferhunde gehören zu den drogenabhängigen Wesen, die den Spieler von Zeit zu Zeit attackieren und anschließend mittels Fausthieben zu Boden gebracht werden müssen.

Mother Russia Bleeds kämpfte beim Release noch mit einigen kleineren, technischen Problemen, denn im Rahmen der Berichterstattung stürzte das Spiel vier Mal an unterschiedlichen Stellen ab. Man kann aber davon ausgehen, dass diese bis zum PlayStation 4-Release des Downloadtitels gänzlich behoben sein werden. Abseits dessen wird einem höchstens die linke und rechte Begrenzung des Screens zum Verhängnis, da das Sichtfeld immer nur einen bestimmten Bereich anzeigt und man von den Angriffen der Gegner am Rande des Screens plötzlich überrascht werden kann. Das ist aber typisch für Spiele dieses Genres, daher verlegt man die Action am Besten immer auf den Mittelpunkt des Bildes. Unschön wird es dagegen im Arena-Modus, wo die leblosen Körper der besiegten Widersacher bis zum Absolvieren der zehn Wellen liegen bleiben und dem Spieler somit die Sicht nehmen epileptisch zuckende Nekro-Spender zu sehen, da sich der Hintergrund auf Grunde des Leichenmeers in ein Pixelwirrwarr verwandelt.

Sound

Passend zu dem Setting besitzt Mother Russia Bleeds einen sehr düsteren und dennoch sehr schnellen Soundtrack, der nahezu komplett vom Komponisten Fixions geprägt ist und einen einschlägigen Industrial-Stil besitzt. Die Auswahl der Tracks passt dabei hervorragend zu der rustikalen Gewalt-Pixel-Stimmung, selbst wenn sich der Soundtrack im Berserker-Zustand nach dem Konsumieren von Nekro kurzzeitig beschleunigt und einige Oktaven höher wird – dies spiegelt lediglich den chaotischen Wahnsinn, in dem sich die Spielfigur zu dem Zeitpunkt befindet, wider. Blöderweise ist der stimmige Soundtrack ausschließlich im Storymodus und im Hauptmenü zu hören. Schwingt man die Fäuste im Arena-Modus, beschränkt sich die soundtechnische Untermalung auf die Jubelrufe der Zuschauer und die Prügel-Geräuschen der Schlägerei.

Es ist darüber hinaus auch sehr schade, dass die Charaktere keine Sprachausgabe besitzen und die gesamte Story in Form von Textboxen erzählt wird. Dabei würden die Charaktere von Mother Russia Bleeds nicht einmal eine Synchronisation benötigen sondern nur einzelne Ausrufe, um deren Gefühlslage besser zur Geltung zu bringen. So bleiben ausschließlich die Jubelgeräusche und das Knurren der wilden Tiere die einzigen Töne, welche die Lebewesen aus dem Spiel von sich geben.

Abschließende Worte

Mother Russia Bleeds ist genau das, was man sich von einem Straßenprügler erwartet: brutal und blutig. Die verrückten Gegner, das von Grund auf rustikale Setting und die Musik passen hervorragend zu dem Brawler. Und dennoch vermisst man im Rahmen der gesamten Metzelorgien ein wenig Abwechslung. So sehen die Spielfiguren beispielsweise zwar unterschiedlich aus, lassen sich allerdings dafür allesamt ziemlich gleich steuern. Die kurzen Ladezeiten sind bei dem Spiel sehr entgegenkommend, da man gelegentlich binnen wenigen Sekunden unerwartet das Zeitliche segnen kann, wenn man aber durchgehend mit den gleichen Kombinationen durch die Levels hechtet, dann ist das schon ein wenig eintönig.

Das Spiel bietet eine dermaßen düstere Stimmung, dass man eigentlich darauf brennt mehr von den Figuren und deren Verrücktheiten zu erfahren. An dieser Stelle enttäuscht das Spiel aber eher mit Anspielungen auf andere Filme und Spiele anstatt mit eigenen originellen Inhalten zu brillieren oder zumindest die spielbaren Charaktere individueller in den Vordergrund zu heben.

– Drop in/ Drop Out offline Multiplayer

– Grandioser Soundtrack im Story-Modus

– Detail-reicher Pixel-Grafikstil

– Makabres Setting & düstere Stimmung

– Derzeit noch sehr viele Bugs

– Gegner screenseitig nicht zu sehen

– Zum Release “nur” Arena und Story-Mode

– Charaktere unterscheiden sich kaum

– Mitstreiter KI lässt zu wünschen übrig

– Genretypisch recht linear

– Kein Soundtrack im Arena-Modus

Eure Meinung dazu?

Neues Gameplayvideo zu Mother Russia Bleeds veröffentlicht

Der französische Entwickler Le Cartel Studio veröffentlicht ein neues Video zu dem kommenden Actionprügler Mother Russia Bleeds, welcher frische Gameplayszenen aus dem blutigen Mehrspielerbrawler offenbart. Bis zu vier Spieler können sich gegen die Horden der Gangster stellen, um die schweren und verrückten Gegner zu besiegen. Mother Russia Bleeds erscheint hierzulande am 5. September 2016 für PC,...

Erster Gameplaytrailer zu Mother Russia Bleeds

Mit ungewöhnlicher Härte schlägt der erste Trailer zu dem brutalen Pixelspiel Mother Russia Bleeds auf der diesjährigen Electronic Entertainment Expo ein. In diesem sind erstmals Szenen aus dem blutigen Prügelspiel der französischen Entwickler Le Cartel Studio zu sehen. Mother Russia Bleeds soll im kommenden Jahr für PC und exklusiv für PlayStation 4 via Download erscheinen. Quelle:...

Mother Russia Bleeds – Hands On

Drei Franzosen haben die richtige Hotline gewählt! Das französische Entwicklerteam Le Cartel Studio besteht gerade einmal aus drei Leuten und arbeitet derzeit an einem Brawler, welches große Entwicklerstudios der 80er und 90er Jahre vor Neid erblassen lassen würde. Wir schreiben das Jahr 2015; hochauflösende Grafiken entzücken das Auge und Virtual Reality scheint das nächste große...

User Score