„Mighty“ ist das neue „Mega“

Wir schreiben ein düsteres Videospielzeitalter für Fans kleiner, kämpfender Roboter. Während Capcom sich über fünf Jahre weigerte neue und frische Mega Man-Konzepte an die frustrierte Fanbase zu bringen, beschloss der ursprüngliche Serienerfinder und inzwischen ehemalige Capcom-Mitarbeiter Keiji Inafune dieses Problem mit einem eigenen Kickstarter Indie Spieleprojekt selbst in die Hand zu nehmen und den Fanhunger mit einem spirituellen Nachfolger zu stillen.

Nach etlichen verschobenen Veröffentlichungsterminen laden uns jetzt Entwickler Comcept, Inti Creates und Publisher Deep Silver mit Mighty No. 9 zu einem neuen Roboterabenteuer ein, welches auf die Erfolge klassischer Mega Man-Spiele anzuknöpfen versucht und dabei leider kläglich scheitert.

Der Mega Man 1 Plot ein wenig anders erzählt

Als Dr. William Whites Android-Kreationen, The Mighty Numbers, eines Tages Opfer eines Virusangriffes werden und Panik unter den Menschen verbreiten, sendet er mit ‘Beck’ seinen letzten Mighty Number-Roboter ins Rennen, um dessen mechanischen Androidbrüder unschädlich und den Verursacher des Virusangriffes ausfindig zu machen.

Wie unschwer für Fans von Mega Man zu erkennen ist, orientiert sich Mighty No. 9s Geschichte ein wenig an jener des ersten Mega Man-Spieles. Ein kämpfender Roboterjunge, der einen bösen Wissenschaftler vor der Weltherrschaft aufhalten möchte und sich dabei seinen acht böse gewordenen Roboterbrüdern stellen muss. Doch leider plagt sich Mighty No. 9 bei der Neuerzählung des klassischen Mega Man 1-Plots damit die nötige Spannung aufzubauen – sei es durch langweilige Dialoge oder noch uninteressante und schlecht inszenierte Charaktere, die sich in keinster Weise mit dem Original messen können.

Gameplay

Becks erster Jump and Run-Ausflug möchte jungen und älteren Zockern ein neues und modernes Mega Man-Spiel näher bringen, welches alle populären Grundelemente des beliebten Capcom-Roboters beinhaltet: Beck bewegt, springt und kämpft sich durch unzählige mechanische Gegner von einem Bildschirmabschnitt zum nächsten und verlangt dabei sehr oft ein hohes Maß an Geschicklichkeit und Genauigkeit, wenn es darum geht Fallen, Abgründe und schwer platzierte Gegner zu überwinden. Am Ende jeder Stage erwartet den Spieler einer von acht schwierigen Bosskämpfen, deren Waffe nach erfolgreichem Besiegen aufgesammelt und fortan im Spiel verwendet werden kann.

Der Spieler muss, ähnlich wie bei den Mega Man-Spielen, die richtige Zerstörungsreihenfolge der einzelnen Mighty No.-Androiden in einem Stein-Schere-Papier-Prinzip herausfinden, so dass diese mit jeder Waffe, die man zuvor in einem Bosskampf erlangt hat, schnell und effizient besiegt werden können. Dies stellt sich bei den ersten Spielerunden als schwieriges Unterfangen heraus, weil man nicht genau weiß, welcher Mighty No.-Android für welche Waffe besonders anfällig ist. Ebenfalls gilt bei diesen Waffen zu beachten, dass deren Nutzung nur mit Hilfe einer speziellen Energie möglich ist und sie deshalb nur in besonderen Momenten oder Bosskämpfen eingesetzt werden sollten. Glücklicherweise findet man innerhalb einer Stage immer wieder Lebens- und Waffenenergie, so dass deren Einsatz nicht zu kurz kommen.

Beck’s “Dash und Absorbierungsmechanik”, mit dessen Hilfe er seinen geschwächten Gegner entgegen sprintet und somit zerstört, sind ein wichtiger Bestandteil des Gameplays und werden sehr oft benötigt, um schnellen Angriffen ausweichen und Konfrontation schneller beenden zu können. Nach einiger Übung fällt es dem Spieler leichter die unzähligen Roboterarmeen innerhalb der Stages auseinanderzunehmen und dabei das zugehörige Schadensbonussystem, welches unterschiedliche Auswirkungen auf Beck’s Standardwaffe hat (Je schneller man gegen seine Feinde agiert und sie dabei zerstört, desto länger halten die Bonusattribute für Beck an und er kann sich dabei leichter durch die unendlichen Gegnermaßen manövrieren), näher kennenzulernen.

Die Kämpfe gegen die gewöhnlichen Gegner in Mighty No. 9 sind stellenweise mühsam und schwer, da man sich auch mit der trägen Steuerung zurechtfinden muss, welche zusätzlich noch von fragwürdigen Hitboxen und Kollissionabfragen seitens der Umgebung und den Feinden geplagt wird. Das Festhalten an Kanten funktioniert ebenfalls sehr willkürlich. Manchmal funktioniert es, aber Öfters auch einfach nicht, wenn man nicht millimetergenau zuvor von der Kante abgesprungen ist. Gepaart mit den Mega Man-klassischen Abgründen, Schluchten oder legendären Bodenstacheln, die zum sofortigen Tode führen, kann und wird Mighty No. 9 öfters für unvermeidliche Frustmomente sorgen.

Grafik

Grafisch macht Mighty No. 9 ebenfalls alles Andere, als eine gute Figur und plagt sich mit vielen kleinen Problemen auf seinem Fußweg durch die einzelnen thematischen und farbenfrohen Stages, die den Spielspaß ungewollt schmällern. Unnatürlich lange Ladezeiten, polygonarme Charaktere oder auch fragwürdige Level- und Fallendesigns. Des Weiteren machen die hölzernen Bewegungsanimationen von Beck und Co. und die lächerlich präsentierten Zwischensequenzen keinen guten Eindruck für ein Spiel im Jahre 2016. Da wäre weitaus mehr drin gewesen, was andere Indieprojekte mit weniger Aufwand bereits bewiesen haben.

Da es sich bei Inafunes spirituellen Mega Man-Nachfolger um ein Unreal-Engine Port eines PC-Spieles handelt und deshalb auf vielen anderen Systemen umgesetzt werden kann, macht Mighty No. 9 überraschenderweise auf dem Nintendo 3DS und der PlayStation Vita eine durchaus akzeptable Figur und kann in beiden Versionen, dank der kleineren Bildschirme, über die grafischen Schwächen der PC- oder Konsolenversion hinwegtäuschen.

Sound

Mit Manami Matsumae, Ippo Yamada, Takashi Tateishi, Masahiro Aoki und Mega Ran verspricht Mighty No. 9 in Sachen Soundtrack keine Enttäuschung zu werden. Alle beteiligten Komponisten waren während eines bestimmten Zeitpunktes ihres Lebens mit Capcoms blauen Bomber an einer musikalischen Produktion beteiligt, so dass man hier von einem ordentlichen, fetzigen, Mega Man-ähnlichen Soundtrack sprechen kann – wie man es kennt und liebt.

Wo Mighty No. 9 jedoch nicht gut wegkommt, ist die Sprachausgabe. Sowohl in der englischen, als auch in der japanischen Version langweilen die Sprecher mit lieblosen Dialogen über die Spielewelt und das Geschehen hinweg, so dass man sich doch vielleicht mehr Professionalität seitens aller Beteiligten in der Produktion gewünscht hätte.

Abschließende Worte

Mighty No. 9 ist alles andere als ‚Mighty‘. Im Gegenteil, es ist sogar eine absolute Horrorerscheinung eines zu sehr gehypten Indie-Projektes, welches die hohen Erwartungen nicht erfüllen konnte. Trotz einiger netten Ideen und einem durchwachsenen Soundtrack kann Inafunes spiritueller Mega Man-Nachfolger in keinster Weise überzeugen. Ja, man merkt Mighty No. 9 an, dass es durchaus von fähigen Leuten und passionierten Mega Man-Fans entwickelt wurde. Jedoch sieht man dieser Produktion sein minimalistisches Budget an jeder Ecke an, was dabei ungewollt den Spielspaß drückt und wir deshalb einfach keine gute Bewertung zu dem Titel abgegeben können. Dazu fehlt bei dem Spiel einfach zu vieles, was ein gutes Mega Man-Spiel so sehr ausgezeichnet hat: Ein solides Gameplay, keine unnatürlich langen Ladezeiten, faire Leveldesigns und keine unnötigen Unterbrechungen durch in die Länge gezogene Handlungsdialoge, die absolut nichts zum Spielespaß beitragen. Beim letzten Kritikpunkt wäre ebenfalls auch noch anzumerken, dass selbst Mega Man X5 und Mega Man X6 dieses Pacingsproblem mit einer sehr rasanten Skipfunktion besser gelöst haben.

Infaune’s neuestes Spiel verfügte über genug Potential und genügend erfahrene Entwickler  um der Mega Man-Killer schlechthin zu werden, jedoch ist daraus einfach nur eine Konservendose geworden, die schon vor dem Öffnen abgelaufen ist. Wer ein echtes Mega Man-Feeling haben möchte, der ist mit dem Kauf der aktuellen Mega Man Legacy Collection weitaus besser beraten.

– Ein neuer „Mega Man“-Titel…

– Erinnert sehr an Mega Man…

– Anspruchsvoller Soundtrack

– Akzeptable Präsentation (Handhelds)

– … der nicht gut geworden ist.

– … kommt nicht an das Original heran

– Öftere Pacingsprobleme/Unterbrechungen

– Stellenweise zu hart und zu unfair

– Steuerung etwas träge

– Lächerliche Story

– Grauenhafte Sprachausgabe

– Teilweise desaströse Ladezeiten

Eure Meinung dazu?

Neues Gameplayvideo zu Mighty No. 9 erschienen

Comcept veröffentlicht gemeinsam mit Deep Silver ein neues Gameplayvideo zu dem actionlastigen Multiplattformer Mighty No. 9. In den knapp 20 Minuten werden zahlreiche Levels, Gegner und Fähigkeiten des Protagonisten vorgestellt. Das Spiel wurde mit einer japanischen Sprachausgabe versehen, besitzt aber englischsprachige Untertitel. Mighty No. 9 erscheint bei uns am 12. Februar 2016 für Nintendo 3DS, PC, PlayStation...