Blizzard’s erster Shooter lässt die Konkurrenz erzittern

Es ist kein großes Geheimnis, dass die Spieleschmiede Blizzard Entertainment bezüglich ihrer IP’s sehr eigen ist. Einmal wird ein zu 85% fertig gestelltes Spiel eingestampft, weil es laut den eigenen Entwicklern in der Praxis doch nicht so viel Spaß macht (WarCraft Adventures, StarCraft: Ghost, das MMO-Projekt ‘Titan’) und unter den erwartungsgemäß hohen Standards liegt; ein anderes Mal hingegen werden komplette Spielinhalte Aufgrund harscher Fankritik äußerst radikal überarbeitet, so dass man von einem komplett neuen Spiel sprechen könnte (Diablo III). Overwatch selbst fällt in die letztere Kategorie, wobei man aus fünf Jahren interner Titan-Entwicklung einige Bruchteile nahm und das MMO zu einem Team Fortress 2-ähnlichen Arcade FPS verwandelte. Das Endergebnis kann sich sehen lassen: Overwatch ist nicht nur ein guter Team Shooter geworden, immerhin sprechen wir hier wahrscheinlich sogar von einem Meilenstein im Genre, der seinem jahrenlangen Hype am Ende mehr als nur gerecht wurde und sehr viel spielerisches Potential besitzt.

Bisschen Story, aber kaum im Spiel…

Overwatch erzählt die Geschichte einer Eliteeinheit, die einst ins Leben gerufen wurde, um die Bedrohung durch eine von Menschenhand erschaffene künstliche Intelligenz (Omnics) zu beenden, nachdem sich diese humanoiden Roboter gegen ihre Erschaffer stellten und der Auslöser eines Weltkriegs waren. Nach unzähligen Einsätzen und dem Ende der Omnics-Krise kam es eines Tages zu einem verherrenden internationalen Vorfall, welcher zur Auflösung der Overwatch-Gruppe führte. Jahre später wurden aus den Helden Vergessene, Ausgestoßene oder gar Kopfgeldjäger, die nun zwielichtige Jobs annehmen oder nach dem Leben ihrer ehemaligen Kameraden trachten.

Blizzard Entertainment setzt bei Overwatch auf eine heroische Grundthematik, welche sich auf ihre ganz eigene subtile Erzählweise auf Rassismus, Toleranz, Hass, Ehre und Solidarität fokussiert und in Form von Pixar-ähnlichen Marketingvideos aus der Sicht mehrerer Charaktere erzählt wird. Die eigentliche Handlung wird nur gelegentlich während der Startphase in kurzen Charakterdialogen vermittelt, so dass der Hauptfokus des Spieles bei der Action bleibt. Wer sich mit der Handlung von Overwatch auseinandersetzen möchte, muss dies online mit den unzähligen Videos, Charaktergeschichten und Comics tun.

Gameplay

Trotz einigen gravierenden Balancing-Schwächen lässt sich schon beim ersten Anspielen erahnen, welch unglaubliches spielerisches Potential in Overwatch schlummert. Ähnlich, wie bei Blizzard Entertainments hauseigenem Heroes of the Storm-MOBA und dem zeitlosen Valve Klassiker Team Fortress 2, setzt der Shooter auf ein sehr zugängliches Gameplay mit einem großen Spielraum nach oben. Fast alle 21 spielbaren Charaktere sind mit bis zu sechs Fähigkeiten oder Variationen ihrer Talente ausgestattet, die für eine enorme Spieltiefe sorgen, sofern man diese meistert. Neben der linken und rechten Maustaste für unterschiedliche Angriffsvariationen gibt es auch noch drei weitere Fähigkeiten, welche bei jedem Charakter andere Effekte auslösen können. So kann zum Beispiel Heilerin Mercy entweder heilen oder die Waffenattacke eines Mitstreiters verstärken, während sie mit einer anderen Fähigkeit zu ihrem Kameraden in der Luft fliegen und dabei Bodenangriffen ausweichen kann oder sich selbst zu einem sehr fragilen Ziel macht, um andere Charaktere vor Feuerbeschuss zu bewahren. Dieses taktische Potential lässt sich bei jedem Agenten wiederfinden, wenn man diese einmal näher studiert hat.

Was aber alle spielbaren Helden gemeinsam haben, ist ihre verherrende ‘Ultimate Attack’, welche hauptsächlich durch Einsetzen von Fähigkeiten oder Tötungen aufgeladen wird. Diese Superfähigkeiten sind durchaus Match-entscheidende Aktionen, die unter anderem drei Charaktere auf einmal wiederbeleben, drei feindliche Agenten auf einmal ausschalten können oder alle gegnerischen Einheiten auf dem Spielfeld für mehrere Sekunden anzeigen lässt. Für das nötige Balancing sorgt eine laute und klare Ansage dieser Techniken auf beiden Spielseiten, so dass man von einigen wirklich hässlichen Techniken nicht unerwartet überrascht wird.

Was den spielbaren Cast betrifft, so hat man bei Blizzard Entertainment sehr tief in die Trickkiste gegriffen; Charaktere wie McCree (ein Clint Eastwood ähnlicher Revolverheld), Widowmaker (tödlicher, weiblicher Scharfschütze), Soldier: 76 (Standard FPS Soldat) erfüllen mit ihrem Aussehen und ihren taktischen Möglichkeiten dementsprechend gewöhnliche Spielerfantasien, wobei andere Helden wie Lúcio (mobiler Musikbeat Heiler, der Wände entlang skaten und abwechselnd heilen oder die Laufgeschwindigkeit aller Charaktere in einem Radius erhöhen kann), Winston (ein mobiler und intelligenter Affe, der meilenweit Springen und dabei ganze Fronten von hinten zerstören kann), Bastion (mobiler Roboter, der sich in einen stationären Geschützturm umbauen kann) und Zenyatta (Omnic-Buddhist, welcher sein Team im Angriff und mit Heilsphären unterstützt) wiederum neue spielerische Möglichkeiten offenbaren und keiner festgelegten Shooter-Norm zugeschrieben werden können. Es fällt dem Spieler nicht schwer schnell seine Lieblingscharaktere zu finden. Neben Ninja-, Ice Climbers- und Team Fortress 2-ähnlichen Figuren und ganz originellen Charakteren wie Tracer, dem zeitmanipulierenden Postergirl des Spieles, bieten alle OverwatchAgenten gemeinsam über genug verstecktes Potential, um aberwitzige oder gar verrückte Aktionen auszuführen.

Woran Overwatch jedoch in seiner Launchphase noch ein wenig scheitert, ist das Gameplay-Balancing. In vielen Fällen spielt Taktik und Geschick eine eher zweitrangige Rolle, wenn zum Beispiel diverse Charaktere mit einer Ultimate Attack vom Rand des Spielfeldes bis zu drei Charaktere mit voller HP sofort ausschalten können oder zumindest viel Schaden anrichten. Das Spiel fordert den öfteren Wechsel der eigenen Charaktere, so dass man das Stein, Schere, Papier-Spielprinzip einzelner Helden immer wieder umdreht. Darin liegt auch leider ein großes Problem im Spiel, denn durch den ständigen Austausch der Charaktere, den stellenweise etwas zu langen Laufwegen von einem Respawn zu Punkt A oder B kann der Spieler sehr viel Zeit verlieren. Es gibt zwar die Möglichkeit einen Teleporter zu bauen, jedoch muss dieser erst mühsam durch Kämpfe als Ultimate Attack erspielt werden und kann aufgrund der blitzschnellen Natur des Spieles in wenigen Minute unbrauchbar sein. Teamplay ist bei Overwatch sehr wichtig und ein zentraler Spaß und Frustfaktor, wie man es aus MOBAs kennt. Wer nicht teamfähig ist oder egoistisch nur seine Wunschcharaktere spielen will, der hat hier wenig Chancen etwas zu erreichen. Flexible Teambildung ist ein Muss, um gegen feindlich gesinnte Gegnerhorden bestehen zu können.

Zur Zeit bietet Overwatch nicht genügend Modis, um sich mit anderen Titeln dieser Art messen zu können. Neben einem Payload-Modus werden auch Spiele in Capture the Point-Missionen bestritten. Gewonnene Kämpfe werden mit Erfahrungspunkten und Player of the Game-Videos belohnt, wobei der Spieler mit jedem aufgestiegenen Level eine Loot Box erhält, wodurch neue Skins, Goldeinheiten, Icons, Voice Tracks und Player Icons für die Charaktere und das eigene Profil erspielt werden. Sollte dies nicht reichen, so kann man jederzeit weitere Lootboxen im inGame Shop kaufen. Es sei an dieser Stelle gesagt, dass man ab einem bestimmten Level kontinuierlich bereits erhaltene Items freischalten. Diese werden zwar der inGame Währung gut geschrieben, geben dem Levelsystem jedoch einen ungewollt negativen Beigeschmack.

Abseits des Quick Match-Moduses bietet Overwatch noch über einen ausgefeilten Trainingsmodus, welcher Gamer auf den wilden Westen vorbereiten soll. Ein Rankingsystem sucht man derzeit vergebens und es ist auch noch unklar, was für Anforderungen und Einschränkungen dieser mit sich bringen wird.

Grafik

Overwatch fühlt sich mit seinen farbenfrohen Designs wie eine hochwertige Disney-Pixar Produktion an. Die spielbaren Orte sind thematisch sehr abwechslungsreich und reichen von Hollywood bis hin zu dem fernen Tibet. Detaillierte, liebevoll modellierte Charaktere und teils minimal zerstörbare Umgebungen runden das actionlastige Erlebnis bestens ab.

Die PC-Edition ist ein Hardware-hungriges Monster und verlangt ein 64-bit System mit einer entsprechend guten Grafikkarte, um in seiner ganzen Pracht genossen werden zu können.

Sound

Mit Derek Duke, Neal Acree und Sam Cardon gesellen sich einige Veteranen diverser Blizzard Entertainment-Produktionen zu den namhaften Mitgestaltern des Titels, welche einen thematisch frisch-futuristischen, aber auch heroischen Soundtrack ins Spiel bringen und kurze Charakter-Jingles der jeweiligen Charaktere eine persönliche Note geben. Besondere Aufmerksamkeit gilt vor allem der sehr gelungenen englischen Sprachausgabe und den vielen Interaktionsdialogen einzelner Gruppen, die Overwatch zu einem mitreißenden Erlebnis machen.

Abschließende Worte

Overwatch besitzt ein unermessliches und noch nie da gewesenes, spielerisches FPS-Potential jeden actionlastigen Konkurrenten in den Schatten zu stellen. Dabei wird das Spiel bedauerlicherweise ein bisschen von seiner eigenen Bombastigkeit ausgebremst. Neben einem Blizzard Entertainment-typischen schlechten Matchmaking, in dem man entweder die Gegnergruppe binnen kürzester Zeit fertig macht oder selbst blitzschnell fertig gemacht wird, gibt es selbst zum Start der Verkaufsversion einige gravierende Balancingsprobleme, die wahrscheinlich erst mit zukünftigen Patches ausgebügelt werden. Der Ersteindruck des Original-Releases ist jedoch bis jetzt ausgezeichnet. Im Laufe unseres Testes hat sich sehr schnell herauskristallisiert, dass die Lernkurve bei Overwatch stellenweise immens hoch ist und es auch für erfahrene Spieler zu einer ganz besonderen Herausforderung werden kann, das Gameplay diverser Charaktere komplett zu meistern.

Wenn man von den wenigen negativen Punkten absieht, so liefert Blizzard Entertainment den wohl wichtigsten Arena-Shooter dieses Jahres ab. Overwatch ist vielfältig, fordernd, kreativ, nervenaufreibend und vor allem spaßig. Wie jeder Meilenstein der Videospielgeschichte möchte auch Overwatch an die Grenzen des Genres gehen und es neu definieren. Dies ist meiner Meinung nach die erste ernstzunehmende Team Fortress 2-Konkurrenz auf dem Markt, welche Valves legendären Söldner-Shooter vom Thron stoßen könnte.

– Abwechslungsreiche Charaktere…

– Großes Gameplay-Potential

– Kurze Ladezeiten, schnelle Spielesuche…

– Belohnendes Levelsystem…

– Leichter Einstieg & taktische Charaktere

– Grafik/Musikalisch hochwertig

– … aber teilweise noch unbalanciert

– Teamplay ist Voraussetzung

– … Matchmaking unausgewogen

– … Lootboxen bringen unnötige Items

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